„Schocken“

Roman von Ben Schaarschmidt

Chemnitz, Januar 1928. Rechtsanwalt Levy Marmerstein im Auftrag seines wichtigsten Mandanten.

Die Welt hatte sich seit 1914 nicht mehr beruhigt — sie hatte sich nur daran gewöhnt, unruhig zu sein. Es war wie ein Teekessel, der schrill vor sich hin kräht, weil niemand ihn von der Flamme nimmt.

Panorama/Noir. Ca. 72.000 Wörter, abgeschlossenes Manuskript.

Wie Sascha da so im Dunkeln und bei Eiseskälte hinter der Tür
hockte und bereits seit einer halben Stunde versuchte, langsam und
ganz ruhig und gleichmäßig zu atmen, kam immer wieder die Angst
in ihm hoch, dass er es irgendwann nicht mehr schaffen würde.
Wie lange hatte er die Gedanken daran verdrängen können? Eine
Minute? Zwei? Fünf? Es war auf keinen Fall länger als das.
Irgendwann würde ihn die Kraft verlassen. Die Füße und Beine
würden erst steif werden, und dann einschlafen. Wenn es richtig
dumm lief, dann würde er hier wahrscheinlich irgendwann einfach
zusammensinken, wie ein nasser Sack. Dann wäre Sense. Auf jeden
Fall würde er anfangen zu schwitzen. Seine Nasenspitze kribbelte
schon seit einigen Minuten.
Es kostete ihn unmenschlich viel Überwindung, der Versuchung
nicht nachzugeben.
Aber er durfte sich nicht die kleinste Bewegung erlauben.
Entweder würde er sonst mit seinen Armen gegen die Tür stoßen
oder die morschen Dielen unter seinen Füßen würden knarzen. Er
hatte bereits jede denkbare Variante, lautlos mit einem seiner Arme
oder gar einer seiner Hände an seine Nase zu kommen, gedanklich
durchgespielt. Aber er kam immer zu demselben Ergebnis. Es war
unmöglich. Unmöglich, einen seiner Arme zwischen der Tür und der
Wand an seinem Körper entlang nach oben zu ziehen, ohne dass ein
Ellenbogen dabei gegen die Tür stoßen würde. Er musste sich auf das
Atmen konzentrieren.
Atmen. Ruhig atmen!